Partizipation in der Ausstellungspraxis: Das Futurium Berlin

Dieser Beitrag soll sich mit dem Ausstellungskonzept des Futuriums, dem Haus der Zukünfte, in Berlin befassen. Hierbei soll sich im Spezifischen mit dem Konzept der Partizipation als Mittel zur Erkenntnisvermittlung und zum Erkenntnisgewinn beschäftigt werden.

In einem 2016 im Tagesspiegel veröffentlichten Interview mit dem ehemaligen Futurium-Leiter Reinhold Leinfelder beschrieb dieser die Aufgabe des Hauses simpel und knapp darin, dass es Interesse und Lust an der Zukunft wecken solle, insbesondere an ihrer (Mit-)Gestaltung. Dabei käme es auf das Miteinander von Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft an. Aktive Mitgestaltung sei der Schlüssel zur Zukunftsgestaltung und dem Erhalt eines funktionierenden Planeten unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Ziele. (1) Eine durchaus anthropozänkompatible Mission.

Leinfelders Aussagen spiegeln sich bis heute im Ausstellungskonzept des Hauses der Zukünfte eindrücklich wider. Das Futurium zeichnet sich besonders durch seine partizipativen Formate aus. In der wechselnden Ausstellung, einem Labor-Bereich und im Forum für gemeinschaftlichen Dialog sollen die Mitglieder der Gesellschaft besonders eng eingebunden werden: Partizipation als zentraler Punkt des Ausstellungskonzepts.

Nach dem Duden kann unter Partizipation das „Teilhaben“, „Teilnehmen“ oder „Beteiligtsein“ verstanden werden. (2) Diese Bereich spielen wohl auch im Kontext des Museumswesens eine Rolle.

Hingegen der verbreiteten Annahme, Partizipation sei ein neues Phänomen im Museumswesen, lassen sich partizipative Ansätze laut der deutschen Museologin Anja Piontek schon am Anfang der Museumsgeschichte finden. Beispielhaft hierfür ständen unter anderem die frühen „Raritätenkabinette“ des 16. und 17. Jahrhunderts, denen das Sehen (als primäre Form der sinnlichen Aneignung) und das Schweigen (als angemessenes Verhalten der Rezipient*innen) noch nicht inhärent gewesen seien. Sie zeigten viel mehr eine Orientierung an den Normen kommunikativen Austauschs. Die Wechselbeziehung von Betrachten und Gesprächsaustausch hätte im Vordergrund gestanden. Ausstellungsstücke hätten als Gesprächsanlass gedient und die Besucher*innen dazu anregen sollen sich zu positionieren und miteinander auszutauschen: beides Ansätze partizipativen Verhaltens. (3)

Heutzutage kann der Aspekt des Austauschs zwar noch immer als ein wichtiger Teilaspekt der Partizipation verstanden werden, der Begriff kann allerdings auch deutlich weiter gedacht werden. Partizipation im Kontext des Ausstellungswesens muss sich heute meist nicht mehr alleinig auf die Rezeption der Ausstellungsinhalte beziehen, sondern kann vielmehr auf die aktive Beteiligung und Mitgestaltung an jenen Inhalten verweisen. Wichtig wäre hier also das tatsächliche Mitwirken an Entscheidungen und damit Einfluss auf das Ergebnis einer Frage- oder Problemstellung oder eines Sachverhalts nehmen zu können.

Ziehen wir an dieser Stelle ein Modell aus den Sozialwissenschaften hinzu: die Partizipationspyramide. Von Gaby Straßburger und Judith Rieger entwickelt, versucht diese die verschiedenen Stufen der Partizipation zum einen aus institutionell-professioneller Perspektive und zum anderen aus der Perspektive der Bürger*innen abzubilden. Da es sich das Futurium zur Aufgabe gemacht hat Zivilist*innen in das Ausstellungsgeschehen und darüber hinaus einzubinden, wollen wir uns auf die Perspektive der Bürger*innen konzentrieren. Insgesamt sieben Stufen umfasst diese Seite der Partizipationspyramide, darunter auch drei Vorstufen, die sich mit 1) sich informieren, 2) im Vorfeld von Entscheidungen Stellung nehmen und 3) eigene Beiträge erbringen betiteln lassen. Es fällt auf, dass auf keiner dieser Vorstufen gesichert ist, dass die Beteiligung Auswirkungen auf das Ergebnis einer Entscheidung haben. Laut Straßburger und Rieger ist dies allerdings ein wichtiges Kriterium, um tatsächliche Partizipation von einfachem „Mitmachen“ abzugrenzen. Partizipation beginne dort, wo die Bürger*innen eigenständig an Entscheidungen mitwirkten. (4)

Ein Modell der amerikanischen, ehemaligen Museumsdirektorin Nina Simon, setzt an anderer Stelle an. Die Autorin beschäftigt sich mit der Frage danach, wie Partizipation allgemein funktionieren kann. Simon bespricht, wie Museen partizipativ mit unterschiedlichen Öffentlichkeiten und Besucher*innen zusammenarbeiten können. Dabei führt sie 4 verschiedene Grade der Beteiligungsmöglichkeiten an, wovon einige sich durchaus mit den Vorstufen der Partizipationspyramide decken. Stufe eins, die Simon mit „Contribution“, also Mitarbeit, betitelt, umfasst beispielsweise das Teilen von Gedanken und Werken der Besucher*innen im öffentlichen Rahmen. Die Rezeption der Ausstellungsgegenstände und das Erbringen eigener Inhalte sind in diesem Modell also bereits Teil der eigentlichen Partizipation, nicht nur eine Vorstufe dieser. Zusammenarbeit, Mitbegründung und Moderation folgen als weitere Stufen. (5) Anja Pionteks Modell von 2017 folgt ähnlichen Muster wie das Simons, stellt aber im Besonderen heraus, dass in der Museumspraxis auch Mischformen verschiedener „Partizipationsstufen“ bestehen können. (6)

Wir stellen also fest: Nicht jede Form von Interaktion gilt als gleichermaßen partizipativ. Die Frage danach, wo Interaktion aufhört, und Partizipation anfängt, stellt im Themenfeld der musealen Praxis eine Definitionsproblematik dar, die nicht nur personen- sondern auch länderspezifisch sein kann. Ob eine Institution oder eine Ausstellung also die Anforderungen an eine „tatsächliche Partizipation“ erfüllt, ist eine komplexe Frage, die das Risiko birgt, sich auf eine spezielle Definition des Begriffs zu versteifen.

Um festzustellen, inwiefern eine Ausstellung partizipative Räume eröffnet, ist auch die Frage danach wichtig, woran überhaupt partizipiert werden soll. Im Falle des Futuriums lässt sich diese Frage recht einfach beantworten. Das Haus versucht die Besucher*innen an der Beantwortung der Frage danach, wie wir in Zukunft leben wollen, teilhaben zu lassen. (7)

Mit Hilfe von Infotafeln, Grafiken und Modellen werden Informationen an die Rezipient*innen weitergegeben. Im Weiteren werden die Besucher*innen außerdem dazu aufgefordert diese Informationen einzuordnen und weiterzudenken. Armbänder interagieren mit Leuchtpunkten, die an verschiedenen Infostationen angebracht sind und einen dazu auffordern das Vorgestellte mithilfe seines Bands abzuspeichern, sollte man sich besonders für ein Thema interessieren/ es als besonders relevant für sich selbst einordnen. Tafeln, an denen man mit Hilfe seines Armbandes an Abstimmungen teilnehmen kann, fordern noch intensiver dazu auf selbst Stellung zu beziehen.

An einem Mischpult, um nur eine der Ausstellungsstationen zu nennen, lässt sich eine eigens gestaltete, individuelle Zukunfts-Radiosendung erstellen und am Ende der Ausstellung können Besucher*innen entweder vor Ort oder von zuhause aus (online) alle mit dem Armband gesammelten Daten auswerten lassen. Auch der Vergleich mit den Ergebnissen und Vorstellungen anderer Besucher*innen ist an dieser Stelle möglich.

Selbsttätigkeit, Selbstpositionierung und Mitgestaltung sowie das Wissen als Teil eines Kollektivs zu agieren, können durchaus produktive Empfindungen wie ein Kollektivgefühl oder aber das Gefühl der Selbstermächtugung und -wirksamkeit bei den Besucher*innen anregen. Informationen können so nicht nur in ihrer direkten Wahrnehmung zugänglicher wirken, es besteht außerdem die Möglichkeit, dass Besucher*innen über den musealen Rahmen hinaus die dargestellten Inhalte, ihre Position und ihre aktuellen Verhaltensweisen reflektieren. Zusätzlich ändert sich in der Interaktion mit den Ausstellungsinhalten der Informationsfluss zwischen der Institution und ihren Besucher*innen. Das Museum als traditioneller Sender und die Besucher*innen als Empfänger*innen treten in einen Austausch, in dem beide Parteien nun sowohl Informationen senden als auch empfangen.

Das Labor des Futuriums, als Ort des Co-Design und der Co-Produktion von Innovationen und Prototypen und das Forum, als Plattform für Diskurs-Diskussionen und Co-Kommunikation, haben jeweils das Potenzial diese Vorgänge noch weiter anzuregen. Im Kern der Ausstellung findet das Mitkreieren oft innerhalb eines vorgefertigten Rahmens statt, den das Futurium zu großen Teilen vorgibt. Im Labor oder bei Gesprächen im Forum werden die Grenzen dieses Rahmens allmählich weiter geöffnet. Es können über den reinen Ausstellungsraum hinaus Beiträge erbracht werden. Die Besucher*innenschaft kann in die vorgegebenen Strukturen der Institution stärker eingreifen. Besonders das Forum eröffnet einen ausgedehnten, offenen Raum für persönliche Beiträge in Form von eigenen Veranstaltungen zu gesellschaftlich relevanten Zukunftsthemen.

Dieser Austausch zwischen Institution und Besucher*innenschaft ist es also, der zum einen Möglichkeiten für uns als Individuen, aber auch für die Institution selbst und schlussendlich sogar für die Wissenschaft und Politik bergen kann.

Besucher*innen können musealen Institutionen durch ihre Partizipation an deren Inhalten helfen die Bedarfe des Publikums allgemein und verschiedener Communitys im speziellen besser kennenzulernen. Institutionen können so besser darauf reagieren, um sich langfristig für ein diverseres Publikum zu öffnen und gesellschaftlich relevanter zu werden. Eine inklusivere Wissensvermittlung und ein möglichst diverser Austausch können außerdem nicht nur für die Institution an sich produktiv sein, sondern auch gesellschaftspolitische Vorteile für uns haben.

Abschließend sind die Auswirkungen und Möglichkeiten der Partizipation über die Museumsmauern und das Individuum hinaus zu erwähnen. Bürger*innen, die im musealen Rahmen partizipieren, können an einer Vielzahl von wissenschaftlichen Prozessen teilhaben. Man spricht hierbei auch von sogenannter Citizen Science. „Citizen Science beschreibt die Beteiligung von Personen an wissenschaftlichen Prozessen, die nicht in diesem Wissenschaftsbereich institutionell gebunden sind.'“ (8) Dabei kann die Beteiligung schon allein in der kurzzeitigen Erhebung von Daten bestehen. Diese Daten können eine Erhebliche Rolle in der Wissenschaft, Forschung und Politik spielen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob und wie unsere Daten dort ankommen. Wie werden unsere Daten verarbeitet? Partizipieren wir an etwas, geben wir mal weniger, mal mehr direkte Informationen über uns und unsere Einstellungen preis. Was passiert mit diesen Informationen? Werden die Daten nur innerhalb der Institution, die sie erhoben hat, verarbeitet oder aber an andere Institutionen weitergegeben? Was zeichnet diese Institutionen aus und wie können sie auf die Verarbeitung unserer Daten Einfluss nehmen?

Es wird außerdem klar, dass letztendlich nicht nur die Frage danach, inwiefern ein Mensch mit den Bestandteilen einer Ausstellung interagiert, sondern auch die Frage nach der Verarbeitung der, in der Interaktion gewonnenen, Daten entscheidend für eine tatsächliche Partizipation sein kann. Verlassen Daten die museale Institution, in der sie erhoben werden, so eröffnen sich neue Möglichkeiten, wie diese Daten z.B. im wissenschaftlichen oder politischen Kontext genutzt werden könnten. Es besteht die Möglichkeit, dass zukünftige Entscheidungen nun durch unser Mitwirken beeinflusst werden könnten. Wir haben an ihnen teil, indem wir z. B. an einer Ausstellung partizipieren und die dadurch ermittelten Informationen nun weiterverarbeitet und in wissenschaftliche oder politische Fragen miteinbezogen werden. Ob man damit allerdings noch von einer aktiven Teilhabe an diesen Fragen oder aber einer passiven sprechen musss, könnte unter anderem davon abhängen, inwiefern wir über den Kontext der Datenverarbeitung Bescheid wissen.

Ich fasse zusammen: Partizipation als zentraler Punkt der Ausstellungsgestaltung ist hingegen der Annahme vieler kein neues Konzept. Die Art und Weise wie wir über sie sprechen hat sich allerdings mit der Zeit gewandelt. Es scheint, als haben sich mit der Entwicklung des Museumswesens und unserer Gesellschaft im Allgemeinen auch die Ansprüche an das, was man als Partizipation bezeichnen kann, weiterentwickelt. Die Frage danach, wo Interaktion aufhört, und Partizipation anfängt, stellt im Themenfeld der musealen Praxis eine Definitionsproblematik dar, die nicht nur personen- sondern auch länderspezifisch sein kann. Es lässt sich außerdem festhalten, dass die Partizipation eine äußerst produktive Methode der Erkenntnisvermittlung, aber auch des Erkenntnisgewinns darstellen kann, so auch im Futurium Berlin, dem Haus der Zukünfte. Wie produktiv partizipative Formate schlussendlich aber wirklich sind, hängt a) davon ab wie wir die Partizipation definieren wollen und b) ob, inwiefern und durch wen die durch die Partizipation gewonnen Informationen weiterverarbeitet werden.

(1) Wewetzer, Hartmut: „Futurium feiert Richtfest: "Weg vom Dualismus von Mensch und Natur"“, in: tagesspiegel.de, 11.07.2016, URL: https://www.tagesspiegel.de/kultur/weg-vom-dualismus-von-mensch-und- natur-6618703.html (Letzter Zugriff am: 29.07.2023).
(2) o. V.: „Partizipation“, in: duden.de, o. D., URL: https://www.duden.de/rechtschreibung/Partizipation (Letzter Zugriff am: 29.07.2023).
(3) Piontek, Anja: Museum und Partizipation. Theorie und Praxis kooperativer Ausstellungsprojekte und Beteiligungsangebote, Bielefeld 2017, S. 95-96.
(4) Straßburger, Gaby / Rieger, Judith: Partizipation kompakt, Weinheim 2019, S. 12-34.
(5) Simon, Nina: The Participatory Museum, Santa Cruz 2010.
(6) Piontek, Anja: Museum und Partizipation. Theorie und Praxis kooperativer Ausstellungsprojekte und Beteiligungsangebote, Bielefeld 2017, S. 193 ff..
(7) o. V.: „Wie wollen wir leben?“, in: futurium.de, o. D., URL: https://futurium.de/de/ganze-ausstellung (Letzter Zugriff am: 19.04.2024).
(8) Bonn et al.: Grünbuch. Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland, Berlin 2016, S. 13.

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